Hoffnung gegen die Verzweiflung

Hoffnung gegen die Verzweiflung – Kann Deutschland mit Friedensgesprächen einen Beitrag zur Vermittlung im Nahostkonflikt leisten?

Ein Beitrag von Edith Lutz (und anderen). Dieser Aufsatz kann kopiert und nach Anfrage von Medien veröffentlicht werden.

 

„Ach, diese endlose Kette von Friedensgesprächen, das führt doch zu nichts!“ „ Deutschland kann doch kein fairer Vermittler sein. Wie stellt ihr euch das vor, die Bundesregierung mit ihrer Bindung an Israel?!“ Die Angesprochenen sind die Verfasser eines Briefes an die Bundesregierung. Sie bitten um einen Vermittlungsbeitrag zwischen den verfeindeten Parteien in Nahost. Aber, so erklären sie den Zweiflern, „wir wollen gar nicht, dass die Bundesregierung Verhandlungen führt. Uns schweben keine Gespräche auf diplomatischer Ebene vor.“ Aber was dann?

   

Die Unterzeichner des Briefes an die Bundesregierung, der Ende Juli während des dritten und bisher heftigsten Gaza-Krieges verfasst wurde, äußern darin die Bitte, die Bundesregierung möge die Konfliktparteien zu Friedensgesprächen – unter der Mitbeteiligung erfolgreicher Friedensmediatoren – nach Deutschland einladen. Die Erstunterzeichner (Ruben Frankenstein, Edith Lutz, Jochi Weil-Goldstein) merkten an den ersten Reaktionen im Freundes- und Bekanntenkreis, dass der geäußerte Wunsch nach Beteiligung professioneller Mediatoren übersehen oder missverstanden wurde. Sie setzten daher in der Veröffentlichung des Briefes diesem eine kleine „Präambel“ voraus:

  

„Wir bitten die Regierung der Bundesrepublik Deutschland um die Einladung zu Friedensgesprächen unter der Führung erfahrener Mediatoren. An der Philosophie Bubers und Gandhis geschulte Psychologen waren in der Mediation zwischen israelischen und palästinensischen Konfliktparteien schon häufig erfolgreich. Wir halten die Übertragung der friedenspsychologischen Mediation auf eine höhere politische Ebene angesichts der verzweifelten Lage für angehenswert.“

  

„An Gandhi geschulte Psychologen“ – das scheint einleuchtend, will man dem Trend zum verstärkten Waffeneinsatz im Konfliktfall entgegenwirken: Gandhi steht für Gewaltfreiheit. Und Buber? Der Religionsphilosoph Martin Buber versuchte, dem Konflikt zu seiner Zeit eine positive Wendung zu geben und setzte sich für eine Verständigung mit der arabischen Bevölkerung im Land Palästina ein. Also doch eine Ein-Staaten-Lösung? Dazu nimmt der Brief keine Stellung. Eine Lösung soll dem Lösungsfindungsweg nicht vorangestellt werden. Bubers Beitrag wird in der Betonung des Zwischenmenschlichen gesehen. In seiner Schrift Ich und Du verweist Buber auf die Möglichkeit einer geistigen Beziehung zwischen Mensch und Mensch, selbst wenn diese in Charakter und Ansicht grundverschieden sind.

 

 Ein Psychologe, der seine Arbeit mit entzweiten einzelnen Personen, Gruppen und Großgruppen u.a. auf Gandhis Lehre der Gewaltfreiheit und auf die Einsichten Bubers stützt, ist Marshal B. Rosenberg. Seine Methodik der „Gewaltfreien Kommunikation“ (GfK) findet auch in Deutschland zunehmend Anhänger. Rosenberg, der in seiner Schulzeit aufgrund seiner jüdischen Herkunft Gewalt fast täglich erfahren hat, sieht wie Gandhi in der Gewalt der Sprache eine Quelle körperlicher Gewalt. „Eine Sprache des Friedens sprechen“, bedeutet für ihn, gewaltfrei zu kommunizieren. Was für friedliebende Menschen zunächst wie eine Selbstverständlichkeit aussieht – wer würde gleich zur Waffe greifen – ist wesentlich mehr als der Verzicht auf körperliche oder auch auf verbale Aggression. Gewaltfreie Kommunikation bedeutet auch den Verzicht auf - noch so gut begründete – Urteile über andere, ja sogar auf die Analyse ihres Handelns oder ihrer seelischen oder mentalen Struktur, auf Zuschreibungen und auf Forderungen an sie. Der Erfolg der GfK fußt auf Einfühlung gerade in den Gegner, den ganz Anderen, auf einem „Fluss zwischen mir und anderen“. Ähnlich spricht Buber von der authentischen und humanen Beziehung zwischen zwei Menschen, in der Gott die Elektrizität ist, „die zwischen ihnen strömt“.

 

 Allerdings scheinen Menschen im Konflikt, ob im Rosen- oder im Bombenkrieg, weit entfernt von einer „authentischen und humanen“ Beziehung zu sein. Für Rosenberg ist diese Beziehung mehr als ein erstrebenswertes Ideal, nämlich eine konkrete, auch in extrem schwierigen Fällen erreichbare Qualität, wie er vielfach bewiesen hat. Dazu sagt er in einem Interview: „ Die spirituelle Basis ist für mich, dass ich versuche, mich mit der göttlichen Energie in anderen und diese mit dem Göttlichen in mir zu verbinden“ Wenn diese Verbindung gelingt, ist Gewalt keine Option mehr (www.cnvc.org).

  

Arun Gandhi, der bei seinem Großvater Mahatma Gandhi „in die Lehre ging“, zeigt sich von der Tiefe der Arbeit Rosenbergs „und von der Einfachheit seiner Lösungswege“ tief beeindruckt. Die Lösungswege der GfK sehen rein schematisch in der Tat einfach aus. Sie haben zwei Aspekte:

 

  1. mit Hilfe von vier Komponenten – beobachten, fühlen, bedürfen, bitten – sich ehrlich ausdrücken
  2. mit Hilfe dieser vier Komponenten empathisch zuhören

  

Der sprachliche Umgang mit diesen vier Komponenten scheint auf den ersten Blick leicht. In der Praxis sieht es jedoch oft so aus, dass angebliche Beobachtungen Urteile darstellen oder enthalten, wie in dem folgenden Beispiel: „Wir beobachten seit Jahren, dass Israel keinen Frieden will.“ Eine Beobachtung wäre: „Israel hat seit der Übereinkunft von Oslo seine Siedlungspolitik immer weiter ausgedehnt“. Auch Satzanfänge wie „Die radikalislamische Hamas“ oder „Die terroristische Hamas“ geben Urteile wieder. In seiner Arbeit fiel Rosenberg auf, dass viele Menschen Probleme haben, ihre Bedürfnisse und Bitten klar auszusprechen, dass sie aber sehr eloquent sind „beim Diagnostizieren der Symptome anderer, nämlich was an ihrem Verhalten falsch ist. Ob es sich um zwei Individuen, zwei Gruppen oder zwei Länder handelt, die Konflikte haben: sie beginnen die Diskussion mit Feindbildern und sagen dem anderen, was an ihm verkehrt ist. Das Scheidungsgericht – und die Bomben – sind niemals weit entfernt.“

  

Die Gewaltfreie Kommunikation lehrt, die eigenen inneren Bedürfnisse wahrzunehmen, sie zu äußern und zu versuchen, sich aus der kulturellen Programmierung, die sich unter anderem in Urteilen, Angst, Verpflichtung, Bestrafung und Belohnung äußert, zu befreien. Die kulturellen Lernerfahrungen bestimmen, was gut und was böse ist. In der Regel wird das eigene Verhalten als das Gute angesehen, das der Konfliktpartei als das Schlechte. Regierungschefs bilden keine Ausnahme. Benjamin Netanyahu sprach in seiner Rede auf der Konferenz zur Bekämpfung des Terrorismus in Herzlia am 21. September 2014 von einem „tiefen moralischen Graben“: Es bedürfe der „Klarheit zu verstehen, dass sie falsch liegen und wir recht haben; dass sie böse sind und wir gut“ und er begründete damit seine Forderung nach Waffen (Newsletter der Botschaft des Staates Israel). Rosenberg hingegen empfiehlt, Begriffe wie „Terrorist“ oder „Freiheitskämpfer“ zu vermeiden und sich einzufühlen in das „was in diesen Menschen lebendig war, als sie taten, was für uns so beängstigend und schmerzhaft war – um zu sehen, welche menschlichen Bedürfnisse sie damit zu erfüllen versuchten.“ Das soll nicht heißen, dass Terrorismus zu akzeptieren sei. „Ganz und gar nicht! Nachdem wir uns eingefühlt haben, müssen wir unseren eigenen Schmerz klar darstellen. […] Wenn wir sie jedoch als Terroristen bezeichnen und sie dann dafür bestrafen, können wir jetzt schon sehen, was wir davon haben: Gewalt schafft noch mehr Gewalt.“

  

Rosenberg war als Vermittler und Ausbilder für Gewaltfreie Kommunikation in vielen Ländern und auf vielen Ebenen tätig, in denen Gewalt vorherrschte oder auszubrechen drohte: u.a. in mehreren Ländern Afrikas, in Ländern des ehemaligen Jugoslawien, und auch in Israel und Palästina. Was er und sein Team überall an den Menschen beobachten konnten, war die Transformierung des Vergeltungswillens in Hoffnung – wenn sie Empathie erfuhren. Frühere Feinde waren dann bereit, Programme zu erarbeiten zur Heilung der Wunden, die sie schufen und zum Schutz des Lebens zukünftiger Generationen.

  

Der 80-jährige Gründer des gemeinnützigen Zentrums für Gewaltfreie Kommunikation in Albuquerque, USA (www.cnvc.org) hat sich mittlerweile aus Gesundheitsgründen aus der weltweiten aktiven Vermittlungsarbeit zurückgezogen. Seine ehemaligen Schüler setzen seine Arbeit fort – auch in Israel und Palästina. Hagit Lifshitz z.B. war Polizeibeamtin, als sie vor etwa zwanzig Jahren mit Marshall Rosenberg zusammentraf und die GfK, die Gewaltfreie Kommunikation, kennenlernte. Ihre ersten Schüler waren Polizeikollegen. Sie ließ sich zur Mediatorin und Trainerin ausbilden. Später gründete sie die Organisation Mifgash („Treffen, Zusammenkunft“), der sie auch heute als Direktorin vorsteht. Mifgash bietet regelmäßig stattfindende Einführungs- und Übungsseminare in Gewaltfreier Kommunikation und Konflikttransformation für Israelis und Palästinenser in Jerusalem an. Hagit Lifshitz edierte und moderierte eine Serie zu Gewaltfreier Kommunikation in dem israelisch-palästinensischen Radiosender All for Peace, bis dieser auf israelische Regierungsanweisung 2011 geschlossen wurde.

  

Trotz dieser Maßnahme breiteten sich Einrichtungen und Veranstaltungen zu GfK nach Rosenberg im Land rasch aus. Einen Beitrag leistet dazu auch das oben genannte amerikanische Zentrum für Gewaltfreie Kommunikation (CNVC). Im  November veranstaltete das Zentrum ein Intensivtraining für Israelis, Palästinenser und internationale Gäste in Bejt Jala. Weitere Seminare sind für 2015 in Planung. Zur zweiten Generation gehört auch Arnina Kashtan, die Autorin des ersten umfassenden Handbuchs für GfK auf Hebräisch. Die studierte Musikpädagogin und Lyrikerin ist die Gründerin von Meitarim („Saiten“), einem Zentrum für Gewaltfreie Kommunikation und zugleich Fortbildungseinrichtung für GfK-Trainer in Israel. Arnina Kashtan hat das ehrgeizige Ziel, mit Hilfe der GfK die „Masse“ der israelischen Bevölkerung für einen sozial-politischen Wandel zu gewinnen.

  

Eine Besonderheit für das Üben Gewaltfreier Kommunikation bietet das EcoME-Zenter (von „ecology“, ‚Ökologie’). Wie der Name schon andeutet, will das Zentrum für ein bewusstes Leben im Einklang mit der Natur motivieren. Es steht Israelis, Palästinensern und internationalen Gästen fast das ganze Jahr über für gemeinsames Lernen offen. Einmal im Jahr, jeweils vom 20. Februar bis Ende März, steht die Einrichtung Israelis und Palästinensern zur Verfügung, um in einem workcamp die Gewaltfreie Kommunikation gemeinsam zu erlernen und zu praktizieren. Das Zentrum liegt im Westjordanland zwischen Jericho und Almog, so dass es für beide Seiten leicht erreichbar ist. Es ist gut besucht, wenn auch manche Palästinenser aufgrund familiärer Strukturen nicht an allen Tagen teilnehmen können. Eine Teilnehmerzahl von 100, einschließlich Trainer und Volontäre, ist keine Seltenheit.

  

Die Zusammensetzung des Trainerteams mag überraschen: Es sind dies eine Israelin, ein Niederländer mit israelischem Pass, eine Amerikanerin, ein Palästinenser aus Hebron und – eine Deutsche. Irmtraud Kauschat hat in diesem Jahr bereits das zweite Mal als Trainerin an einem EcoMe-workcamp teilgenommen. Die hauptberufliche Ärztin bringt Erfahrungen auch aus anderen Konfliktgebieten der Welt mit. Überall bestätigte sich für sie die Erkenntnis der GfK, dass Menschen einander als Menschen begegnen können, wenn versucht wird, die Bedürfnisse, die hinter einem Konflikt stehen, wahrzunehmen. „Hier waren es auf beiden Seiten die Bedürfnisse nach Sicherheit und Schutz.“ Werden die Bedürfnisse wahrgenommen, können tiefe zwischenmenschliche Begegnungen stattfinden. So sagte eine traditionell-religiöse Jüdin am Ende eines dieser Seminare Irmtraud Kauschatzufolge erstaunt über sich selbst: „ Ich habe noch nie einen anderen Mann als meinen Ehemann umarmt. Jetzt umarme ich sogar einen Palästinenser.“ Für nicht wenige Teilnehmer ist es das erste Mal, dass sie neben einem Menschen aus dem anderen „Lager“ sitzen, dass sie die Geschichte des Anderen hören und seinen Schmerz verstehen lernen. Nachdem sie einem Palästinenser aus Gaza zugehört hatte, der von seiner Angst um seine Familie während der Bombardierung berichtete, fragte eine junge Israelin im Seminar: „Was ist mein Schmerz gegen seinen? Darf ich da überhaupt über meinen Schmerz sprechen?“ Irmgard Kauschat ermutigt sie dazu: „Es ist wichtig, dass jeder Schmerz gehört und geachtet wird, und dass die Bedürfnisse dahinter gesehen werden.“

  

Was bewegt die Teilnehmer überhaupt zu kommen? Ein Israeli berichtete, der Grund seines Kommens sei, dass er immer Angst vor Palästinensern habe: die wolle er überwinden, indem er ihnen im Seminar in einem geschützten Rahmen begegnen könne. Die Teilnehmer lernen nicht nur, Ängste zu verlieren; sie lernen auch, verhärtete Wahrnehmungs- und Verhaltensmuster, Misstrauen, ihre Rolle als Opfer oder auch Unterdrücker zu transformieren, neue Modelle authentischer Partnerschaft zu entdecken und gemeinsame Visionen eines sozialen Wandels zu teilen.

  

Solche konflikttransformativen Begegnungen zwischen Israelis und Palästinensern sind nicht auf die GfK beschränkt. Es gibt sie auch in anderen Modellen, wie beispielsweise der systemischen Konflikttransformation. Manche Gruppen folgen keinen bestimmten Vorgehensweisen, sie wissen einfach nur den Wert des Dialogs zu schätzen.

  

Nicht wenige solcher Begegnungen werden durch die Bundesregierung gefördert. Der Zivile Friedensdienst, ein Konsortium, dem unter anderen auch der Weltfriedensdienst (ein Unterstützer der Initiative Hope-against-Despair) und das Forum Ziviler Friedensdienst angehören, erhält zur Verwirklichung solcher Projekte finanzielle Mittel aus dem Etat des  Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ). Das Auswärtige Amt hat damit begonnen, die Aktivitäten im Bereich Friedensmediation zu verstärken. Es folgt damit den Richtlinien, die sich die Bundesregierung im Jahr 2004 mit dem Aktionsplan „Zivile Krisenprävention, Konfliktlösung und Friedenskonsolidierung“ gegeben hat. Aber die meisten dieser Förderungen betreffen die mikro-soziale Ebene, das heißt, Konflikte zwischen Individuen oder die meso-soziale Ebene bei Konflikten zwischen Gruppen. Ein Beispiel dafür ist die Förderung der Combatants for Peace über das Forum Ziviler Friedensdienst.

  

Die Unterzeichner des Briefes an die deutsche Bundesregierung wünschen sich eine Förderung der Mediation auf der Basis der oben angedeuteten Dialog-Prinzipien auch auf der Makroebene: Vermittlungsarbeit zwischen Vertretern von Regierungen. „Dialog“ will wörtlich verstanden sein als ein ‚Fließen von Worten’ von Mensch zu Mensch. Möglicherweise reicht für die Makroebene der authentische Dialog alleine nicht aus. Hier sind zusätzlich professionelle Konfliktbearbeiter gefragt, die ein strukturiertes und auf Erfahrung gestütztes Konzept entwickeln. Deutschland beherbergt mehrere Friedensforschungsinstitute, -Zentren und -Stiftungen. Da müssten doch Fachleute zu finden sein, meinen nicht nur die Erstunterzeichner, die Ähnliches oft von ihren zahlreichen Unterstützern vernehmen. Auch Friedensforschungs-Experten aus dem Ausland sollten willkommen sein, um an einem einmaligen Projekt, vielleicht Pilotprojekt, mitzuarbeiten.

  

Und welche Vorstellungen verbinden die Unterzeichner des Briefes noch? Sie verbindet hauptsächlich, dass sie die Hoffnung gegen die Verzweiflung setzen, den Dialog gegen die Gewalt. Einig sind sie sich auch in der Ansicht, dass die Bundesregierung der geeignetste Initiator für die Verwirklichung von authentischen Friedensgesprächen sei. Reuven Moskovitz, einer der Unterzeichner, drückt es so aus: „Wiederholt hat sich gezeigt, dass der Frieden im Nahen Osten nicht von den USA kommen kann. Es ist eine einmalige Gunst der Stunde, dass die Bundesrepublik Deutschland die Verantwortung für die vom Nationalsozialismus begangenen Untaten übernimmt und sich profiliert als Frieden schaffender Staat, der kompetent diese zwei verletzten Völker versöhnt.“

  

Von israelischen Psychologen und Friedensforschern gibt es Angebote, am Mediationsprozess mitzuwirken. Dr. Tal Litvak Hirsch beispielsweise, eine Sozialpsychologin und Klinische Psychologin, arbeitet an dem Konfliktmanagement- und Konfliktlösungsprogramm (MA-program) der Ben-Gurion-Universität des Negev in Beersheva. Sie war schon häufiger an gemeinsamen Projekten mit Palästinensern und Deutschen beteiligt und entwickelte zusammen mit dem Psychologen, Shoah- und Friedensforscher Daniel Bar-On die Methode des „Life-story-telling“, deren Erfolg auch bei den Combatants for Peace beobachtet werden kann. Ein Jahr vor seinem Tod, am Neujahrsfest im September 2007, schrieb Bar-On einen bewegenden Brief an seinen palästinensischen Freund Sami Adwan. Das Dan Bar-On – Zentrum in Berlin gehört zu den Unterstützern der Initiative Hope-against-despair.

  

Psychologen, Friedensforscher und verwandte Berufe stellen den größten Anteil in der Liste der Unterzeichner, gefolgt von Politologen und Historikern, zuweilen mit dem Schwerpunkt „Deutsche Geschichte“. Unter diesen fällt der hohe Anteil der „Holocaust-Studien“ auf, dem die Gelehrten sich widmen. Vertreten sind auch Unterzeichner aus den israelischen Friedens- und Menschenrechtsgruppen wie „Ärzte für Menschenrechte“, „Elternforum“, „Givat Haviva“, das „Israelische Komitee gegen Häuserzerstörung“ und andere sowie aus dem Friedensdorf Neve Shalom/Wahat al-Salam.

  

Da in der „Präambel“ des Offenes Briefes von Martin Buber die Rede ist, wundert es nicht, dass auch Vertreter der Buberschen Dialogphilosophie unter den Unterzeichnern sind, wie Hune Margulies, Gründer und Direktor des Martin Buber-Instituts in New York oder Paul Mendes-Flohr, der Herausgeber Buberscher Schriften wie Ein Land und zwei Völker und Verfasser mehrerer Werke über ihn. Auch auf der Unterzeichnerliste für die Unterstützung der Initiative finden sich Vertreter der Buberschen Dialogphilosophie. Psychologen, Traumatologen, Ärzte und Mediatoren finden ebenfalls Kollegen unter den Unterstützern der Initiative. Unterstützende Organisationen wie die Internationale Erich Fromm Gesellschaft haben mit dazu beigetragen, dass auch aus dem Ausland Unterstützung bekundet wurde. Auch Palästinenser aus den Besetzten Gebieten sind darunter.

  

Ganz frei von Vorstellungen eines Konzepts sind die Unterzeichnenden nicht. Der Verweis auf Gandhi und Buber macht deutlich, dass sie sich unter einem Konzept nicht nur ein Methodikgerüst vorstellen. Auch für den international bekannten Friedensforscher Friedrich Glasl spielen geistige Kräfte im und zwischen den Menschen eine große Rolle. Glasl schöpfte vermutlich nicht wie Rosenberg aus den Quellen Bubers, aber er kommt zu verwandten Erkenntnissen. Selbsterziehung, Selbstfindung, innere Sammlung mittels Yoga, Meditation, oder Gebet, beispielsweise, gehören für ihn zur Stärkung einer geistigen Verbundenheit, ohne die sich jede Methodik in einem reinen Abspielen eines Handlungsprogramms erschöpft, was wenig erfolgversprechend wäre.

  

Friedrich Glasl ist unter anderem durch sein Modell der Konflikteskalation bekannt geworden. In seinem Buch Selbsthilfe in Konflikten, das 2015 auch in hebräischer und arabischer Sprache erscheinen wird, beschreibt er in den Stufen 1-9 ein Eskalationsstufenmodell, dessen Komponenten sich in den unterschiedlichsten Konflikten beobachten lassen, den Konflikten zwischen Menschen ebenso wie zwischen Staaten. Er erläutert einleitend die Veränderungen, die bei anhaltenden Konflikten im Menschen auftreten können.

  

Solche Veränderungen lassen sich auch in den hierzulande ausgetragenen Meinungsverschiedenheiten zum Nahostkonflikt beobachten. Längst hat er auch deutsche Gruppen ergriffen, die mit den Konfliktparteien sympathisieren. Sie sind in ihren, mit der jeweiligen Flagge versehenen Lobbyburgen gefangen und befangen. Zu den ein freies unvoreingenommenes Denken störenden Veränderungen zählen die Störung der Wahrnehmung und des Erinnerns. Ein Mechanismus der Vorurteile entsteht: Bevor in die Urteilsbildung noch weitere Wahrnehmungen einbezogen werden, wird vorschnell ein Urteil gebildet, das der Erwartung oder Befürchtung entspricht. Generalisierung, Verzerrung und Fixierung des Wahrnehmungsbildes sind die Folge. „Die ist doch eine Israelhasserin“ oder „der ist ganz klar ein Antisemit“ - so drücken sich diese Bilder dann aus, und der Träger des Bildes gibt sich in der Regel alle Mühe, den Kontakt mit dem Verurteilten zu vermeiden, um das Urteil nicht revidieren zu müssen. Eigentlich sind es nicht Personen oder Parteien, die miteinander streiten: es sind die Bilder, die die Konfliktparteien von sich selber und den Anderen gemalt haben. Glasl kommt zu dem Schluss: „Wir können sagen, dass uns Konflikte einerseits überempfindlich machen für die Schattenaspekte unseres Gegners und andererseits unempfänglich für Hinweise auf unsere eigenen Schattenseiten, wodurch wir in uns Illusionen über unser Höheres Ich nähren.“

  

Veränderungen im Gefühlsleben bringen es mit sich, dass für sich selber und die eigene Partei die positiven, für die andere Seite die negativen Gefühle reserviert werden. Das gilt für den Regierungschef wie für den Bürger auf der Straße. Mit der eindeutig zugeschriebenen Gefühlslage wächst ein „Panzer der Unempfindlichkeit“. Die Konfliktparteien verlieren das Mitgefühl füreinander und werden zu Gefangenen der eigenen Gemütsverfassung. Intoleranz, Fanatismus und letztlich Kampfhandlungen sind die Folgen. „Die sich immer wiederholenden Vorstellungen und die abgekapselten Gefühle schnüren uns von der Welt ab; wir spinnen uns in unserer geschlossenen Innenwelt ein und verlieren so uns selbst, weil wir nur im Dialog mit der Außenwelt unser Selbst verwirklichen können.“ Glasls Fazit entspricht Rosenbergs Betonung der Empathie: „Bei Bemühungen um eine Konfliktlösung wird es immer darum gehen, sich selbst und die anderen Menschen aus der Gefangenschaft der eigenen Gefühle und Stimmungen zu befreien und durch Einfühlungsvermögen den Zugang zum Gegenüber wiederzufinden.“

  

Auch im Willensleben geschehen in langandauernden Konflikten gravierende Veränderungen. Durch Enttäuschungen verlieren Menschen die Mobilität ihres Willens und beharren auf einigen wenigen Zielen. Erstarrung und Fanatismus sind die Folge. Und je länger der Konflikt andauert, desto mehr greift er in tiefere unbewusste Schichten und weckt Triebe, die der reife Mensch überwunden glaubte, die aber, wachgerüttelt, „mit bestialischer Urgewalt“ ausbrechen können. Glasl weist hier auf eine Erkenntnis der Tiefenpsychologie, ohne die tiefe Konflikte dauerhaft nicht zu lösen sind: Das sogenannte Gute und das sogenannte Böse ruhen in ein- und dergleichen Person, –  in jeder Person.

  

Mit der „Bestialität“ ist bereits die Stufe 7 des Eskalationsmodells erreicht: „Begrenzte Vernichtungsschläge“. Hier soll dem Gegner mit allen Tricks geschadet werden. Der Gegner wird nicht mehr als Mensch wahrgenommen. Die begrenzten Vernichtungsschläge werden als passende Antwort empfunden, „die Regierung wird angemessen reagieren“. Mit Drohgebärden handeln Drohende wie Bedrohte zunehmend unter Stress und Angst –  mit der Folge von Überreaktionen und unerwünschten Nebenwirkungen. Eine Vermittlung ist auf dieser Eskalationsstufe schwierig, aber noch möglich. Oft geschieht dies durch Druck von außen, weil Menschen oder Instanzen an einer Begrenzung des Schadens interessiert sind. Auf der Stufe 8, „Zersplitterung“ wird die Zerstörung des Feindes intensiv verfolgt. Die Zerstörung kann körperlich-materieller, wirtschaftlicher oder auch geistig-seelischer Natur sein. Die Organe des gegnerischen Systems, wie die Infrastruktur, werden funktionsuntüchtig gemacht, das System bricht zusammen. Eine freiwillige Begrenzung des Konflikts ist nicht mehr möglich.

  

Gehen wir noch einmal zurück zur Stufe 5, auf der manches gefunden werden kann, was im israelisch-palästinensischen Konflikt über Jahrzehnte zu beobachten ist, in Nahost wie hierzulande. Hier geht es zentral darum, dem Gegner öffentlich einen „Gesichtsverlust“ beizufügen. Es drängt die meisten Menschen, Erkenntnisse, die sie aus dem Verhalten einer Konfliktseite gewonnen haben, anderen, noch Unbeteiligten mitzuteilen. Dabei wird die „eigene Wahrheit“ erzählt, die israelische oder die palästinensische Perspektive. Die andere Seite sieht sich dann dazu aufgerufen, dieses Bild zu „demaskieren“, den anderen „die Augen zu öffnen und zu beweisen, wie verwerflich der Gegner im Grunde seines Wesens ist.“ Während des Gazakrieges in den vergangenen Wochen lautete ein viel gelesener vorwurfsvoller Satz in Mails, Internetforen und Blogs: „Mach endlich deine Augen auf“, was so viel bedeutet wie „Sieh zu meiner Seite herüber“. Die andere Seite, sei es „die Hamas“ oder „die Zionisten“, wird oft als das Böse, Unmoralische, Krankhafte oder Verbrecherische identifiziert, – „mit denen kann man doch nicht reden, schon gar nicht zusammenarbeiten!“.

  

Mögen wir die letzte Stufe nicht erreichen und die Hoffnung gegen die Verzweiflung setzen! In Stufe 9 sehen die feindlichen Parteien keinen Weg mehr zurück und beabsichtigen die endgültige Vernichtung des Gegners – und sei es um den Preis, bei diesem Vernichtungsakt selbst ebenfalls unterzugehen. Es reicht schon, wenn eine Partei bereit ist, bis zum Äußersten zu gehen. Doch selbst vor dieser letzten Stufe ist noch eine Wendung möglich. „Es kann sein, dass sich Außenstehende auf völlig gewaltlose und mutige Art zwischen die Parteien stellen und den Wahnsinn des Zerstörungswerks zu stoppen versuchen. Die neunte Stufe ist betitelt: „Gemeinsam in den Abgrund“.

  

Um diesen Abgrund in der nahöstlichen Tragödie zu vermeiden, reichen vermutlich keine Friedensverhandlungen. Verhandlungen werden mit emotionaler und häufig auch räumlicher Distanz geführt: ein Ringen um den Ausgleich einzelner Positionen und Interessen. Verhandlungen heilen keinen Schmerz und garantieren daher keinen dauerhaften Frieden. An Friedensverhandlungen denken die Unterzeichner des Briefes an die Bundesregierung nicht. Sie möchten vielmehr die Verwirklichung von Friedensdialogen auf hoher politischer Ebene sehen, wobei die bisher geleistete und noch ausbaufähige Arbeit auf den unteren Ebenen nicht losgelöst von einer Bemühung um eine dauerhafte Lösung zu sehen ist (siehe Grafik).  Wie der israelische Staatspräsident Reuven Rivlin bei seinem Besuch im Dorf Kafr Yasif anlässlich des Opferfestes sagte, schweben die Schlüssel zur Partnerschaft „nicht irgendwo über uns“, sondern liegen direkt vor uns. „Diese Schlüssel sind nicht nur in den Händen der Politiker oder derer, die das Recht durchsetzen, sondern in den Händen von uns allen“. Und diese Ebene berührt auch nicht nur Israelis und Palästinenser. „Lasst uns zu dem Wandel werden, den wir in der Welt erreichen möchten“, meint Gandhi. Die neue Situation, die entsteht, wenn alle vorgefassten Meinungen und Urteile abgelegt sind, erwartet eine Antwort, sagt Buber und fährt fort: „Sie erwartet Präsenz, Verantwortung; sie erwartet – dich“.

 

Anmerkungen:

Alle Zitate, sofern nicht anders angegeben, aus:

Marshall B. Rosenberg, Gewaltfreie Kommunikation. Eine Sprache des Lebens. (11. Aufl.) Paderborn: Junfermann, 2013.

Marshall B. Rosenberg, Die Sprache des Friedens sprechen. Paderborn: Junfermann, 2006.

Friedrich Glasl, Selbsthilfe in Konflikten. (6. Aufl.) Stuttgart: Freies Geistesleben, 2008